{"id":531,"date":"2007-07-17T11:27:55","date_gmt":"2007-07-17T09:27:55","guid":{"rendered":"http:\/\/koch-kultur.org:8080\/?page_id=531"},"modified":"2024-05-02T21:03:47","modified_gmt":"2024-05-02T19:03:47","slug":"innehalten","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.koch-kultur.org\/index.php\/innehalten\/","title":{"rendered":"Innehalten"},"content":{"rendered":"<p>Zwischendurch ist es gut, innezuhalten. Einen Ruhepunkt in der Hektik des Alltags zu finden. Ein Buch kann dabei helfen. Und wenn das Buch Anregungen gibt zum bewussten Dasein, umso besser.<\/p>\n<p>Der Reisef\u00fchrerautor und Esskritiker Wolfgang Abel, zugleich Inhaber des <a title=\"Oase-Verlag\" href=\"https:\/\/www.oaseverlag.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Oase-Verlags<\/a>, gibt mit seinem Buch <a title=\"Badische K\u00fcchenkunde\" href=\"https:\/\/www.oaseverlag.de\/Online-Shop\/Wolfgang_Abel%3A_Badische_K%C3%BCchenkunde_1921\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Badische K\u00fcchenkunde<\/a> mehrfach Anlass zum Innehalten. Er beschreibt sehr sch\u00f6n den Weg zur\u00fcck zum Urspr\u00fcnglichen, Einfachen, aber mit einem durchaus elit\u00e4ren, kompromisslosen Anspruch an die Qualit\u00e4t der Grundnahrungsmittel. Wer in diesem Buch bl\u00e4ttert, wird vielleicht die \u201eDenke\u201c entdecken, die es mir angetan hat.<\/p>\n<p>In bisher keinem mir bekannten Kochbuch wird die wichtigste Zutat von jedem Essen beschrieben: TLC <em>(tender loving care)<\/em>. Egal, was mit TLC zubereitet wird, das Resultat ist Balsam f\u00fcr die Seele.<\/p>\n<p>Ja, die Lekt\u00fcre eines guten Buchs, das Verzehren einer kleinen, einfachen Mahlzeit, wo alles stimmt &#8211; all das geh\u00f6rt zu den kleinen Gl\u00fccksmomenten, die das Leben so unendlich wertvoll machen.<\/p>\n<p>Zitat aus dem Buch, unter dem Titel \u201eKLINISCH KOCHEN\u201c:<\/p>\n<p><em><strong>\u201eKlinische K\u00fcche macht h\u00f6chstens satt, aber nicht zufrieden.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong>Die klinisch saubere Edelstahlk\u00fcche<\/strong> mit Dampfgarer und digitaler Temperaturanzeige ist das Gegenteil jener Mamak\u00fcchen, in der bleibende Geschmacksbilder entstehen. Auch die Men\u00fcs vieler Sternek\u00f6che sind in diesem Sinne klinisch. Ihre Teller mit apart nebeneinandergesetzten Komponenten wirken exakt, aber isoliert und so seltsam beziehungslos wie die Klientel:<\/em><\/p>\n<p><em>Entwurzeltes Scheckkartenpublikum, das \u00fcber Geld, Langeweile und Stoffwechselprobleme verf\u00fcgt.<\/em><\/p>\n<p><em>Fadheit, artifizielle Optik, die Ausrottung von Krusten und Fettschichten, die weltweite Verwendung von kalibrierten Filets und Luxusprodukten, das putzige Schnitz-Gem\u00fcse &#8211; alles weist in eine Richtung: Das Abschaffen iles Kochens als sinnlicher Vorgang zugunsten einer klar planbaren Dienstleistung. Zu recht hat PETER KUBELKA, Professor f\u00fcr Film und Kochen in Frankfurt, darauf verwiesen, dass ein grosser Koch heute eher etwas mit einem General gemein hat. Er muss \u201elogistisch talentiert sein, gro\u00dfe Truppen bewegen k\u00f6nnen, den Nachschub planen\u201d. Entsprechend kampfbetont wirken denn auch die Darbietungen dieser M\u00e4nnerk\u00fcche, die nach Schlachtplan abl\u00e4uft, in der Emotionales keinen Platz hat, es sei denn als Wutausbruch. Die pers\u00f6nliche Auswahl von Lebensmitteln, langwierige, gar riskante Zubereitung, alles Sinnliche wird als l\u00e4stiger St\u00f6rfaktor begriffen.<\/em><\/p>\n<p><em><strong>In Mamas K\u00fcche<\/strong> lernt man dagegen aromatisch hassen und lieben, man erf\u00e4hrt, wie schmal der Raum dazwischen sein kann und begreift, dass Vorlieben mit der Zeit gehen. Auch aus Ablehnung kann bekanntlich Freundschaft werden &#8211; wie im Falle von Leber, Spinat &amp; Co. In einer klinischen K\u00fcche wirkt dagegen schon der Gl\u00f6ckchenschlag der Mikrowelle wie ein letzter emotionaler Rest. Zufriedenheit entsteht in solcher Umgebung nicht; das jojohafte Auf und Ab von Imponiermen\u00fc und Blitzdi\u00e4t m\u00fcsste eigentlich allen klinisch Kochenden Warnung genug sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber dann passt doch alles zusammen: Die keimfreien \u00bbTurbok\u00fcchen\u00ab von heute folgen der Logik von Gel\u00e4ndewagen. Und mit dem f\u00e4hrt man ja auch nicht auf den Acker zum Kartoffeln rausmachen, sondern in den SB-Markt zum K\u00fchltruhen leeren.\u201c<\/em><\/p>\n<p>An anderem Ort hat Wolfgang Abel beschrieben, dass der Deutsche der Auswahl des Motoren\u00f6ls f\u00fcr sein Auto mehr Aufmerksamkeit widmet als der Auswahl seiner Speise\u00f6le. Ich f\u00fcrchte, dass Herr Abel Recht behalten sollte\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(17.07.2007)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischendurch ist es gut, innezuhalten. Einen Ruhepunkt in der Hektik des Alltags zu finden. Ein Buch kann dabei helfen. 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