{"id":505,"date":"2008-03-01T10:41:53","date_gmt":"2008-03-01T09:41:53","guid":{"rendered":"http:\/\/koch-kultur.org:8080\/?page_id=505"},"modified":"2024-07-29T19:40:45","modified_gmt":"2024-07-29T17:40:45","slug":"der-siegeszug-von-ignoranz-und-infotainment","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.koch-kultur.org\/index.php\/der-siegeszug-von-ignoranz-und-infotainment\/","title":{"rendered":"Der Siegeszug von Ignoranz und Infotainment"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Tage ist mir ein Artikel der NZZ untergekommen, welcher ein Schlaglicht auf die Spasskultur, die Ignoranz und das Infotainment der westlichen Welt wirft. Die Autorin, <a href=\"https:\/\/andreakoehler.net\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Andrea K\u00f6hler<\/a>, macht sich Gedanken \u00fcber eine Bewegung, die von den USA aus auf uns her\u00fcberschwappt:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Die Amerikaner werden immer d\u00fcmmer \u2013 und damit sind sie nicht allein. Soeben ist in Deutschland ein Buch mit dem Titel \u00abGeneration Doof\u00bb erschienen, in dem das Ph\u00e4nomen der galoppierenden Ignoranz aufs Korn genommen wird. Die Generation der Zwanzig- bis Dreissigj\u00e4hrigen kann zwar an die zwanzig Klingelt\u00f6ne f\u00fcrs Handy, nicht aber Wagner von Beethoven unterscheiden. Falls sie \u00fcberhaupt noch weiss, wer Wagner und Beethoven waren. Wieder einmal hat Amerika die Vorbildfunktion. Oder wie Mark Twain so sch\u00f6n sagte: When America sneezes, Europe catches the cold.<\/em><\/p>\n<p>Ich bin mir nicht so sicher &#8211; falls diese Erscheinung jemals gestimmt hat &#8211; ob es heute noch ebenso ist. Vielleicht kommt die alte Welt in ihrer Verbl\u00f6dung sogar ohne die vielgeschm\u00e4hten USA aus. Wenn ich mir die Tendenzen in den elektronischen, aber auch in den Printmedien ansehe, f\u00e4llt mir auf, dass allein in der kleinen Schweiz das \u00dcberangebot der belanglosen Nachrichten einen immer gr\u00f6\u00dferen Stellenwert hat. Es ist nicht mehr nur der \u201eBlick\u201c, inzwischen gibt es ein 20 Minuten, und namhafte Zeitungen haben mit der Boulevardisierung nachgezogen, siehe z.B. die ehemals ernstzunehmende <a href=\"https:\/\/www.baz.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Basler Zeitung<\/a>.<\/p>\n<p>Weiter in ihrem Artikel schreibt Andrea K\u00f6hler \u00fcber die gesellschaftliche \u00c4chtung der Melancholie. Was ich als \u201enachdenkliches Innehalten\u201c bezeichne, sehen Andere vielleicht schon als Party-Stimmungst\u00f6ter in unserer ach so lustigen und fr\u00f6hlichen Welt. Nochmals ein Zitat aus Andrea K\u00f6hlers Artikel:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Interessanter ist da vielleicht ein anderer Aspekt: n\u00e4mlich der amerikanische Zwang zum Gl\u00fccklichsein oder, mit dem Autor von Against Happiness\u00bb gesprochen: das Verbot der Melancholie. Eine Nation, die alles Gr\u00fcbeln mit Prozac austreibt, verliert nicht nur eine wichtige Quelle der Inspiration, sondern auch die Reflexionsf\u00e4higkeit. Die Gewohnheit, selbst milde Anf\u00e4lle von Traurigkeit schon bei Kindern mit Medikamenten zu unterdr\u00fccken, leistet der grassierenden Gleichg\u00fcltigkeit in s\u00e4mtlichen Lebensbereichen Vorschub; wer nichts als Spass im Kopf hat, wird sich kaum um gravierendere Probleme als Paris Hiltons neueste Eskapaden scheren.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Nun ist es ja leider nicht so, dass die allgemeine Verdummung vor den Printmedien haltmachte. Die zunehmende Bereitschaft auch der seri\u00f6sen Zeitungen, sich dem galoppierenden Schwachsinn aus Angst orr einem vermeintlichen Verlust von Lesern (und Anzeigenkunden) eilfertig anzubiedern, ist wom\u00f6glich besorgniserregender als die Exzesse der digitalen Demenz. Dar\u00fcber hinaus sind die Grenzenzzwischen den unterschiedlichen Medien im Begriff sich aufzul\u00f6sen. Auch der Kotau vor den Skandalisierungen der Entertainment-Industrie ist l\u00e4ngst an den Orten der klassischen Kulturkritik selbst angekommen. Umgekehrt gew\u00e4hren Fernsehen oder Internet zum Teil entlarvendere Einblicke in die geistige Verfassung unserer Repr\u00e4sentanten oder Idole, als es jede gedruckte Analyse verm\u00f6chte.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Wir empfehlen hier einen Besuch auf YouTube, wo man unter dem Stichwort \u00abAre You Smarter Than a 5th Grader?\u00bb das \u00abAmerican Idol\u00bb Kellie Pickler bei dem Versuch beobachten kann, die Geografie Europas (\u00abHungry is a country?\u00bb) auszuloten. Im \u00dcbrigen haben kulturpessimistische Klagen den Vorteil, dass sie so schnell nicht veralten. \u00abJetzt ist nur noch eine Art von Ernst in der modernen Seele \u00fcbriggeblieben\u00bb, notierte Friedrich Nietzsche in seinen \u00abUnzeitgem\u00e4ssen Betrachtungen\u00bb. \u00abEr gilt den Nachrichten, welche die Zeitung oder der Telegraph bringt.\u00bb Die moderne Seele ist inzwischen hundertdreissig Jahre \u00e4lter geworden.<\/em><\/p>\n<p>Ich denke, hier ist nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen. Anlass zu diesem Artikel von Frau K\u00f6hler waren mehrere amerikanische Neuerscheinungen, die sich diesem Ph\u00e4nomen widmen, so z.B.:<\/p>\n<ul>\n<li>The Age of American Unreason by Susan Jacoby<\/li>\n<li>Anti-Intellectualism in American Life by Richard Hofstadter<\/li>\n<\/ul>\n<p>welche ich mir nat\u00fcrlich sofort bestellt habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(01.03.2008)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage ist mir ein Artikel der NZZ untergekommen, welcher ein Schlaglicht auf die Spasskultur, die Ignoranz und das Infotainment der westlichen Welt wirft. Die Autorin, Andrea K\u00f6hler, macht sich Gedanken \u00fcber eine Bewegung, die von den USA aus auf uns her\u00fcberschwappt: Die Amerikaner werden immer d\u00fcmmer \u2013 und damit sind sie nicht allein. 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